Trockeneis ersetzen:
Optionen für eine zuverlässige, nachhaltige Kühlung
Trockeneis ist in der temperaturgeführten Logistik fest etabliert: vom Versand von Impfstoffen und Arzneimitteln über Blut- und Laborproben bis hin zu Lebensmitteln. Doch steigende CO₂-Kosten, regulatorischer Druck auf den Carbon Footprint und der wachsende Bedarf an wiederverwendbaren statt verbrauchsmaterialbasierten Lösungen führen dazu, dass immer mehr Unternehmen nach einer Alternative zu Trockeneis suchen. In diesem Artikel erfahren Sie, welche Kühltechnologien für eine Kühlkette ohne Trockeneis infrage kommen, welche Temperaturbereiche sie abdecken und worauf Sie bei der Auswahl achten sollten.
Das Wichtigste: Trockeneis hat verschiedene Alternativen
- Trockeneis sublimiert bei −78,5 °C und ist eine leistungsfähige, rückstandsfreie Kältelösung – aber Verbrauchsmaterial, an verfügbare CO₂-Quellen gebunden und mit Erstickungsrisiko in geschlossenen Räumen.
- Phase Change Materials (PCM) und gekühlte Kühlakkus decken den größten Teil der Kühlketten ab (CRT, 2–8 °C, Tiefkühlung) und sind wiederverwendbar.
- Für den Ultratiefkühlbereich (−90 bis −60 °C) existieren spezielle eutektische PCM als Trockeneis-Ersatz.
- Mechanische Kühlung (Kompressor-basiert, inkl. ULT-Freezer) bietet präzise, dauerhafte Temperaturkontrolle ohne Nachfüllen.
- Der unterschätzte Erfolgsfaktor ist nicht das Kältemittel selbst, sondern die reproduzierbare und wieder verwendbare Konditionierung der Kältespeicher.
- Die richtige Wahl ergibt sich aus Zieltemperatur, Standzeit, Prozesssicherheit, Nachhaltigkeit und Kosten.
Warum Trockeneis ersetzen?
Die Kühlkette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Gerade auf der letzten Meile, also dem Transport bis zum Endkunden, zur Klinik oder zur Apotheke , entscheidet die Kühllösung über Produktqualität und Versorgungssicherheit. Trockeneis ist hier seit Jahrzehnten ein Standard, vor allem im Tiefkühl- und Ultratiefkühlbereich.
Drei Entwicklungen rücken das Ersetzen von Trockeneis in den Fokus:
- Erstens ist Trockeneis an die Verfügbarkeit von CO₂-Quellen gebunden und mit zusätzlichem Energieaufwand für Verflüssigung, Transport und Lagerung verbunden. Mit entsprechenden Kosten- und Versorgungsrisiken (Quelle: Assaf et al., Processes 2025).
- Zweitens verschärft sich der Blick auf den CO₂-Fußabdruck der Logistik: Emissionen aus Herstellung, Transport und Betrieb der Kühlsysteme nehmen einen relevanten Anteil ein (Quelle: GIZ, 2016).
- Drittens bringt Trockeneis betriebliche Risiken mit sich, insbesondere die Erstickungsgefahr durch sublimierendes CO₂ in schlecht belüfteten Räumen (Quelle: Assaf et al., Processes 2025).
Für Branchen mit strengen Qualitätsanforderungen, wie beispielsweise der Pharmalogistik unter der Good Distribution Practice (GDP), stellt sich damit die Frage, welche Technologien eine Kühlkette ohne Trockeneis tragen oder das Trockeneis ergänzen können, ohne die Kühlkette zu gefährden.
Phase Change Materials (PCM) als Alternative
Ein Phase Change Material (PCM) ist eine Substanz, die beim Phasenübergang (meist zwischen fest und flüssig) große Mengen latenter Wärme aufnimmt oder abgibt, und das bei nahezu konstanter Temperatur. Genau diese Eigenschaft macht PCM zu einem direkten Trockeneis-Ersatz: Statt zu sublimieren, schmilzt und erstarrt das Material wiederholt und ist damit wiederverwendbar.
In der Transportpraxis begegnet PCM den meisten Anwendern nicht als abstrakter Werkstoff, sondern in Form eutektischer Kühlakkus (auch eutektische Platten). Sie sind mit einem Phasenwechselmaterial gefüllt, das bei einer definierten Temperatur erstarrt und seine gespeicherte Kälte beim Auftauen gleichmäßig wieder abgibt. Für die relevanten Temperaturzonen des Lebensmittel- und Pharmatransports sind eutektische Akkus mit unterschiedlichen Phasenwechseltemperaturen verfügbar; der entscheidende Auswahlparameter ist die zum Zielbereich passende Phasenwechseltemperatur (Quelle: IIP Series, 2023).
Auch für den anspruchsvollen Ultratiefkühlbereich existieren eutektische PCM, etwa mit Schmelzpunkten um −78 °C, also nahezu identisch mit Trockeneis.
Zwischenfazit: PCM gegenüber Trockeneis
Gekühlte Kühlakkus und passive Systeme
Wiederverwendbare Kühlakkus (die in der Praxis meist genannten eutektischen Platten) werden vor dem Einsatz auf eine definierte Zieltemperatur heruntergekühlt und halten diese während des Transports in einer Isolierbox. Sie sind im Kühlbereich (2–8 °C) sowie im Tiefkühlbereich weit verbreitet und vermeiden den Einsatz von Verbrauchsmaterial. Damit eignen sie sich für eine passive Kühllogistik, die ohne Trockeneis auskommt.
Für den passiven Versand kombinieren sogenannte Thermal Shipper und vakuumisolierte Behälter (z. B. mehrwandige Systeme) Isolationstechnik mit Kältespeichern. Sie halten Ultratiefkühltemperaturen über mehrere Tage ohne externe Energie und können durch Nachkonditionieren der Kältespeicher über längere Zeiträume genutzt werden.
Beispiel: Pharmaversand 2–8 °C
Eine Versandapotheke oder ein pharmazeutischer Logistikdienstleister versendet kühlpflichtige Arzneimittel im Bereich 2–8 °C. Trockeneis ist hier meist nicht die naheliegende Lösung, da es ohne ausreichende Trennung und Validierung ein Einfrierrisiko erzeugen kann. Validierte Kühlakkus oder PCM in qualifizierten Isolierboxen sind häufig die prozesssicherere Alternative. Entscheidend ist nicht nur die Verpackung, sondern die reproduzierbare Vorkonditionierung der Akkus, damit das Arzneimittel weder überhitzt noch einfriert.
Beispiel: Lebensmittel-Lieferdienst / Tiefkühlung
Ein Lieferdienst für Tiefkühlprodukte benötigt eine Lösung für mehrere Zustellstopps innerhalb eines definierten Zeitfensters. Wiederverwendbare Kühlakkus oder PCM können Trockeneis ersetzen, wenn Tourenlänge, Außentemperatur und Boxvolumen validiert sind.
Beispiel: Ultratiefkühlung / Laborproben
Für biologische Proben oder bestimmte Impfstoffe im Ultratiefkühlbereich kann Trockeneis weiterhin sinnvoll sein. Alternativ kommen eutektische PCM oder stationäre beziehungsweise mobile ULT-Systeme infrage – abhängig davon, ob es um Versand, Zwischenlagerung oder langfristige Temperaturhaltung geht.
Der unterschätzte Faktor: die Konditionierung der Kältespeicher
Wer Trockeneis ersetzen will, braucht nicht nur ein alternatives Kältemittel, sondern einen beherrschbaren Prozess: definierte Zieltemperaturen, reproduzierbare Konditionierung, dokumentierte Abläufe und validierte Standzeiten.In der Praxis scheitert die Reproduzierbarkeit häufig nicht an der Verpackung, sondern bereits an der Vorbereitung der Kältespeicher. Im Kühlraum fehlt oft ein Prozess, der sicherstellt, dass die erforderliche Abkühldauer tatsächlich eingehalten wurde – Akkus können vorzeitig entnommen werden, ohne dass dies auffällt. In der Kühltruhe entsteht ein ähnliches Problem durch das Last-in-first-out-Prinzip: zuletzt eingelagerte, noch nicht vollständig konditionierte Akkus werden zuerst wieder entnommen. Beiden Varianten fehlt ein Prozess, der die korrekte Konditionierung selbst erzwingt, statt sie der Sorgfalt der Mitarbeitenden zu überlassen. Unterschiedliche Kühlschrankzonen, wechselnde Beladungen und nicht definierte Vorkühlzeiten verstärken diese Schwankungen zusätzlich. Ist die Ausgangstemperatur des Kältespeichers nicht reproduzierbar, ist es auch die Temperaturführung im Transport nicht – mit dem Risiko, dass die Ware über- oder unterkühlt.
Ein Kühlakku, der außen bereits stark heruntergekühlt ist, im Kern aber noch nicht die Zieltemperatur erreicht hat, verhält sich im Transport anders als ein vollständig konditionierter Akku. Umgekehrt kann ein zu stark heruntergekühlter Akku temperaturempfindliche Ware gefährden. Genau deshalb ist eine definierte und dokumentierte Konditionierung so wichtig.
Eine gleichmäßige Akkutemperatur bei der Entnahme und eine validierte, dokumentierte Vorbereitung sind daher die entscheidenden Größen, gerade in der GDP-konformen Pharmalogistik, wo die Kühlkette auditfähig nachweisbar sein muss (vertiefend: Good Distribution Practice auf der letzten Meile). Der eigentliche Hebel für eine zuverlässige Kühlkette ohne Trockeneis liegt damit weniger im Kältemittel als in der prozesssicheren Konditionierung der Kältespeicher. Wie sich die einzelnen Schritte von Vorbereitung über Transport bis zur Dokumentation zusammenfügen, zeigt der Beitrag zum Prozessablauf in der Kühlkette.
Der AIRFROSTER® macht die korrekte Konditionierung der Kühlakkus zum festen Bestandteil des Prozesses, nicht von der Sorgfalt Einzelner abhängig. Definierte Zieltemperaturen, dokumentierte Abläufe und reproduzierbare Standzeiten sind damit Teil der Lösung selbst.
Mechanische Kühlung als Alternative
Die mechanische Kühlung auf Basis des Kaltdampf-Kompressionsprozesses (Vapour Compression) ist die am weitesten verbreitete Kältetechnik. Sie bietet gegenüber Trockeneis einen zentralen Vorteil: präzise, dauerhaft regelbare Temperaturen ohne Nachfüllen, ohne Verbrauchsmaterial und ohne CO₂-Abhängigkeit.
Für mobile Anwendungen und dezentrale Standorte existieren inzwischen kompakte, transportable Kompressorgeräte, die sich für den Einsatz auf der letzten Meile eignen.
Temperaturbereiche im Vergleich
Die folgende Übersicht ordnet die Technologien den gängigen Temperaturbereichen der Kühlkette zu (Temperaturangaben siehe Sparavigna, 2021). Der Bereich entscheidet maßgeblich darüber, welche Alternative überhaupt infrage kommt.
Trockeneis und eutektische PCM konkurrieren vor allem im Ultratiefkühlbereich. Im CRT-, Kühl- und Tiefkühlbereich sind Isolierverpackungen, wiederverwendbare Kühlakkus und mechanische Kühlung die naheliegenden Alternativen. Für den kryogenen Bereich – der deutlich unterhalb der mit Trockeneis oder PCM erreichbaren Temperaturen beginnt – bleibt Flüssigstickstoff maßgeblich, etwa bei Zell- und Gentherapien (siehe Sparavigna, 2021).
Auswahlkriterien für die Praxis
Die Temperatur entscheidet, welche Technologie grundsätzlich infrage kommt. Ob sie im konkreten Prozess funktioniert, hängt jedoch von weiteren Faktoren ab. Die folgenden Kriterien sollten Sie gegeneinander abwägen:
Gerade auf der letzten Meile entstehen dabei zusätzliche Risiken. Sendungen werden mehrfach bewegt, Fahrzeuge werden geöffnet, Zustellungen verzögern sich, oder Kältespeicher müssen nach der Lieferung zurückgeführt werden. Deshalb reicht die Auswahl eines geeigneten Kältemittels allein nicht aus, entscheidend ist ein validierter Gesamtprozess aus Konditionierung, Verpackung, Transportdauer und Temperaturüberwachung.
FAZIT: Die passende Alternative richtet sich nach der Kühlkette
Trockeneis bleibt ein leistungsfähiges Kältemittel, besonders im Ultratiefkühlbereich. Doch für einen großen Teil der temperaturgeführten Logistik stehen heute praktikable Alternativen bereit. Wiederverwendbare Kühlakkus und Phase Change Materials vermeiden Verbrauchsmaterial und entschärfen die Sicherheitsrisiken des Trockeneis-Handlings. Mechanische Kühlung mit natürlichen Kältemitteln bietet zudem dauerhafte, präzise Temperaturkontrolle.
Entscheidend ist dabei weniger die Wahl des Kältemittels als der Prozess dahinter: Wer Kältespeicher reproduzierbar, dokumentiert und validiert konditioniert, kann Trockeneis in vielen Anwendungen sicher ersetzen. Für Unternehmen aus Pharmalogistik, Lebensmittel-Lieferdiensten und medizinischen Transporten lohnt sich daher eine differenzierte Betrachtung: Welche Zieltemperatur, welche Standzeit, welche regulatorischen Anforderungen liegen vor? Wer eine nachhaltige Kühlkette ohne Trockeneis auf der letzten Meile zukunftssicher aufstellen will, sollte die Alternativen frühzeitig in die Prozessplanung einbeziehen.
Häufige Fragen
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Im Kühl- und Tiefkühlbereich in vielen Fällen ja: durch wiederverwendbare Kühlakkus, PCM oder mechanische Kühlung. Im Ultratiefkühlbereich gibt es mit eutektischen PCM und ULT-Freezern einen Trockeneis-Ersatz, die Eignung hängt aber vom konkreten Versandprofil und der geforderten Standzeit ab.
Trockeneis ist Verbrauchsmaterial, das sublimiert und nachgefüllt werden muss. PCM sind wiederverwendbar und werden vor jedem Einsatz neu konditioniert.
Im kryogenen Bereich (unter −150 °C), etwa bei Zell- und Gentherapien, ist Flüssigstickstoff maßgeblich, nicht Trockeneis. Der kryogene Bereich beginnt deutlich unterhalb der Temperaturen, die mit Trockeneis oder PCM erreicht werden können. Für die Ultratiefkühlung bleibt Trockeneis eine Option neben PCM und ULT-Freezern.
Wenn Temperaturbereich, Transportdauer und Rückführlogistik stabil planbar sind, können wiederverwendbare Kältespeicher wirtschaftlich und ökologisch sinnvoll sein. Voraussetzung ist ein validierter Prozess zur Konditionierung, Verpackung und Temperaturüberwachung.
Entscheidend sind Zieltemperatur, Standzeit, Außentemperaturen, Transportweg, Rückführbarkeit der Kältespeicher und regulatorische Anforderungen. Eine Prozessanalyse zeigt, ob passive Kühlakkus, PCM, mechanische Kühlung oder eine Kombination sinnvoll ist.
Quellen
- A Comparative Review on Dry Ice Production Methods: Challenges, Sustainability and Future Directions (Processes 13, 2848, MDPI 2025)
- Freezers, Dry Ice and Phase-Change Materials for Cold Chain Equipment in Ultra Low Temperature Logistics (Sparavigna, 2021)
- Fundamentals and Applications of Phase Changing Materials in the Food Industry (IIP Series, Vol. 3, 2023)
- Promoting Food Security and Safety via Cold Chains (Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, GIZ, 2016)
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