Nachhaltigkeit im Einzelhandel
Nachhaltigkeit gewinnt als Erfolgsfaktor im Einzelhandel zunehmend an Bedeutung. Bisher lagen die Schwerpunkte vieler Händler jedoch häufig auf nachhaltigen Sortimenten und effizienter Energienutzung im Betrieb. Doch auch die Planung und Ausführung des Ladenbaus bieten viel Potenzial für eine nachhaltigere Gestaltung.
Inhaltsüberblick
1. Wo und wie Nachhaltigkeit im Einzelhandel umgesetzt werden kann
1.1 Materialauswahl
1.2 Beleuchtung
1.3 Zertifizierungen & Standards für Ladeneinrichtung
1.4 Gestaltung von Verkaufsflächen
3. Nachhaltiger Ladenbau in der Umsetzung
Wo und wie Nachhaltigkeit im Einzelhandel umgesetzt werden kann
Nachhaltigkeit im Einzelhandel umfasst viele Ebenen: vom Sortiment über die Logistik bis zum Betriebskonzept. In diesem Artikel rücken wir jedoch die baulichen und gestalterischen Aspekte in den Vordergrund. Aus Perspektive des Ladenbaus zeigt sich, dass schon bei der Planung, Materialwahl und technischen Ausstattung entscheidende Weichen gestellt werden. Wer hier auf nachhaltige Lösungen setzt, schafft nicht nur ökologische Vorteile, sondern legt auch die Grundlage für einen effizienten, langlebigen und wirtschaftlichen Betrieb. Wichtige Handlungsfelder sind dabei:
Materialauswahl
Nachhaltigkeit im Ladenbau beginnt schon mit der Wahl der Materialien. Ressourcen lassen sich am wirkungsvollsten schonen, wenn vor dem Einsatz neuer Materialien geprüft wird, ob bestehende Elemente weiterhin nutzbar sind. Viele Ladenbauteile wie Regalsysteme, Theken oder Beleuchtungsschienen lassen sich in neuen Konzepten integrieren oder durch kleine Eingriffe auffrischen.
In der Praxis hat sich gezeigt, dass ein sogenannter Face-Lift, etwa durch neue Oberflächen, Farben oder energieeffiziente Beleuchtung, oft ausreicht, um eine bestehende Einrichtung stimmig in ein neues Design einzubinden. Ergänzend kann ein technischer Check sinnvoll sein, um die Funktionsfähigkeit zu bewerten.
Wenn neue Komponenten notwendig sind, spielt die Herkunft und Beschaffenheit der Materialien eine zentrale Rolle. Besonders geeignet sind:
- Holz aus verantwortungsvoller Forstwirtschaft
- Recycelte Metalle
- Glas
- Werkstoffe mit hohem Recyclinganteil oder Wiederverwertbarkeit
Viele Unternehmen setzen bereits auf diesen Ansatz. Alnatura nutzt in seinen Märkten beispielsweise Holz, Naturfarben, Natursteinfliesen und recycelte Materialien. Auch dm setzt bei neuen Filialen auf organische Materialien und integriert vorhandene Bauteile aus vorherigen Umbauten.
Ein weiterer Baustein ist die Wiederverwendung vorhandener Möbel und Bauteile. In einem unserer Projekte wurde in der Kassenzone eine Platte aus recycelten Schuhsohlen eingesetzt sowie Regalsysteme aus OSB-Platten recycelt. Solche Beispiele zeigen, dass Nachhaltigkeit im Ladenbau nicht nur ressourcenschonend ist, sondern auch individuelle Gestaltungsmöglichkeiten eröffnet.
Langfristig entscheidend ist die Qualität: Hochwertige und zeitlose Materialien verlängern die Nutzungsdauer und reduzieren den Bedarf an Neuanschaffungen.
Kühltheken
Ein zentrales Produktfeld im Lebensmittel-Einzelhandel sind Kühlmöbel und Theken. Hier lassen sich große Energieeinsparungen erzielen. Moderne Kühltheken verfügen über Isolierglastüren oder Schiebedeckel, um den Kälteverlust in den Raum zu minimieren. Geschlossene Kühlregale verbrauchen bis zu 50 % weniger Energie als offene Kühlmöbel. Darüber hinaus kommen zunehmend klimafreundliche Kältemittel zum Einsatz.
Nach der neuen EU-F-Gase-Verordnung, die ein schrittweises Verbot fluorierter Kältemittel vorsieht, steigt der Druck auf Unternehmen, ihre Kühlsysteme umzurüsten. Ein innovatives System in diesem Bereich ist das sogenannte Waterloop. Dabei werden steckerfertige Kühlmöbel mit dem natürlichen Kältemittel R290 (Propan) in einen geschlossenen Wasserkreislauf eingebunden. Die entstehende Abwärme der Kühltheken wird über Rohrleitungen aus dem Verkaufsraum transportiert und kann mittels Wärmetauscher etwa zur Beheizung des Markts genutzt werden. Diese Technik ermöglicht es außerdem, zusätzliche Kühlmöbel flexibel anzuschließen oder zu entfernen, ohne einen zentralen Kälteverbund zu stören. Waterloop-Anlagen sparen bis zu 17 % Energie im Vergleich zu herkömmlichen CO₂-basierten Zentral-Kälteanlagen. Somit tragen energieeffiziente Kühltheken doppelt zur Nachhaltigkeit bei – durch geringeren Stromverbrauch und durch Wärmerückgewinnung zur Heizungsunterstützung.
Das Waterloop-System von KRAMER: Nachhaltige Kühlung für höchste Effizienz
Die Waterloop-Theke von KRAMER bietet eine zukunftssichere Alternative ohne F-Gase, die den aktuellen gesetzlichen Anforderungen gerecht wird und langfristig stabil sowie unabhängig von regulatorischen Änderungen bleibt. Gleichzeitig zeichnet sich diese Thekenlösung durch eine hohe Energieeffizienz aus, welche die Betriebskosten deutlich senkt und den CO₂-Fußabdruck reduziert.
Waterloop von KRAMER entdecken
Beleuchtung
Die Beleuchtung eines Ladengeschäfts bietet ein großes Einsparpotenzial. In vielen Läden sind noch ältere Leuchtstoffröhren oder Halogenlampen installiert, während moderne LED-Technik deutlich effizienter arbeitet. Eine Umrüstung auf LED-Beleuchtung kann, je nach Ausgangstechnologie, den Energieverbrauch der Ladenbeleuchtung um bis zu 50 % reduzieren. Dies wurde in den letzten Jahren bereits sichtbar: Die Zunahme von LEDs im Lebensmitteleinzelhandel trug mit dazu bei, dass der durchschnittliche Stromverbrauch pro Quadratmeter Verkaufsfläche zwischen 2016 und 2021 um etwa 5 % sank. LEDs bieten dabei mehrere Vorteile:
- Lebensdauer: Sie haben eine sehr lange Lebensdauer (bis ~50.000 Stunden) und verursachen weniger Abwärme, wodurch die Klimatisierung entlastet wird.
- Wartungskosten: Außerdem fallen geringere Wartungskosten an, und LEDs gibt es in vielfältigen Lichtfarben, was es ermöglicht, Waren attraktiv in Szene zu setzen ohne mehr Energie zu verbrauchen.
Neben dem Leuchtmittel selbst spielt die Lichtsteuerung eine wichtige Rolle. Durch intelligente Steuerungen lässt sich die Beleuchtung dem Tageslicht, der Uhrzeit und der Nutzung anpassen. So kann z. B. ein Tageslichtsensor das Kunstlicht automatisch dimmen, wenn durch große Fenster genug natürliches Licht einfällt. Bewegungsmelder oder Zeitprogramme sorgen dafür, dass in Nebenbereichen oder außerhalb der Öffnungszeiten kein Licht unnötig brennt. Bei Neubauten lohnt sich auch die Planung von Oberlichtern oder Fensterfronten, um möglichst viel Sonnenlicht nutzen zu können.
Zertifizierungen & Standards für Ladeneinrichtung
Um die Nachhaltigkeit von Materialien und Einrichtungskomponenten bewerten zu können, haben sich verschiedene Zertifizierungen und Standards etabliert. Diese Siegel bieten Orientierung für Händler und Planer, indem sie bestimmte Umwelt- und Gesundheitskriterien transparent machen.
- Blauer Engel: Eines der bekanntesten deutschen Labels ist Der Blaue Engel, der bereits seit 1978 besonders umweltfreundliche und schadstoffarme Produkte auszeichnet. Möbel oder Baumaterialien mit dem Blauen Engel erfüllen strenge Anforderungen: von emissionsarmer Herstellung über Langlebigkeit bis zur Recyclingfähigkeit. Auf EU-Ebene existiert analog das EU Ecolabel, das ebenfalls den gesamten Produktlebenszyklus im Blick hat und geringe Umweltauswirkungen bestätigt.
- FSC & PEFC: Gerade bei Holz und Holzprodukten ist die Herkunft entscheidend. Hier bieten FSC (Forest Stewardship Council) und PEFC (Programme for Endorsement of Forest Certification) wichtige Standards. FSC-zertifiziertes Holz stammt aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern und Produktketten, die sozial verträglich, umweltgerecht und wirtschaftlich tragfähig geführt werden. PEFC verfolgt ein ähnliches Ziel und hat inzwischen etwa drei Viertel der deutschen Waldfläche unter Zertifikat – Holz mit PEFC-Siegel garantiert eine nachhaltige Forstwirtschaft vom Rohstoff bis zum Endprodukt.
- Cradle to Cradle: Für die Auswahl von Lacken, Bodenbelägen oder Plattenwerkstoffen sind zudem Labels wie Cradle to Cradle im Kommen. Die Cradle-to-Cradle-Zertifizierung steht für konsequente Kreislauffähigkeit von Produkten: Materialien sollen nach Gebrauch in sortenreine Rohstoffe zerlegt und wieder als Basis für Neues verwendet werden können. So wurden bereits Möbel (z. B. Bürostühle) entwickelt, die vollständig recyclebar sind und vom Hersteller im Rahmen einer Rücknahmegarantie zurückgenommen werden. Solche Konzepte fördern die Zirkularität im Ladenbau und vermeiden Abfall.
- Ganzheitliche Zertifikate: Nicht zuletzt gibt es auch ganzheitliche Nachhaltigkeitszertifikate für den Innenausbau von Läden. In Deutschland hat die DGNB (Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen) ein Zertifizierungssystem speziell für Shopping-Innenräume entwickelt. Dieses System umfasst 15 Kriterien und dient Ladenbauern als Leitfaden, wie ein nachhaltiger Ausbau gelingen kann. Bewertet werden etwa eine gute Innenraumluftqualität, der Verzicht auf umwelt- und gesundheitsgefährdende Baustoffe, ein geringer CO₂-Fußabdruck, der Einsatz energieeffizienter Technik sowie eine rückbaufreundliche Konstruktion für die spätere Wiederverwendung.
Gestaltung von Verkaufsflächen
Neben Technik und Material spielt auch die Gestaltung der Verkaufsflächen selbst eine wesentliche Rolle für nachhaltigen Ladenbau. Durch den Verzicht auf alles Überflüssige kann bereits ein deutlicher Schritt in Richtung umweltfreundlicher Handelsarchitektur getan werden. In der Praxis bedeutet dies: Dekor-Elemente oder Bauteile ohne funktionalen Mehrwert werden auf das Kleinstmögliche reduziert. Ein minimalistisches Design, das nur das Wesentliche inszeniert, spart Material und vermittelt einen modernen, klaren Eindruck.
Ein weiterer Aspekt ist die Flexibilität und Langlebigkeit der Ladengestaltung. Modular aufgebaute Einrichtungssysteme, die sich leicht demontieren und an neue Grundrisse anpassen lassen, verlängern den Lebenszyklus der Komponenten erheblich. Ähnlich wichtig ist die Qualität der Materialien: Hochwertige Oberflächen, zeitloses Design und robuste Konstruktionen sorgen dafür, dass ein Ladenkonzept nicht nach kurzer Zeit durch Verschleiß oder modische Trends obsolet wird. All diese gestalterischen Maßnahmen tragen dazu bei, die Verkaufsfläche nachhaltig und praxisnah zu gestalten, ohne die Funktionalität oder Kundenerfahrung einzuschränken.
Nachhaltiger Ladenbau in der Umsetzung
Ein aktuelles Projekt zeigt, wie Nachhaltigkeit im Ladenbau konkret umgesetzt werden kann. Für die Abfallwirtschaft Freiburg entsteht ein Second-Hand-Shop, dessen Einrichtung konsequent nach dem Prinzip der Kreislaufwirtschaft geplant wurde.
Bereits in der frühen Planungsphase wurde geprüft, ob sich vorhandene Materialien oder B-Ware einsetzen lassen. Da sich diese Option aus Qualitäts- und Verfügbarkeitsgründen nicht umsetzen ließ, fiel die Wahl bewusst auf Werkstoffe, die bereits im Kreislauf geführt werden oder sich vollständig wiederverwerten lassen.
Verwendet wurden unter anderem:
- OSB-Platten aus Recyclingholz (Regalböden und Auflagen)
- Holzreste werden gesammelt und wiederverwertet
- Produktionsabfälle fließen zurück in den Kreislauf
- formaldehydfreie Bindemittel und sehr geringe Emissionen
- Arbeitsplatten aus recycelten Schuhsohlen (Kassenzone)
- alte und ungetragene Sohlen werden geschreddert und verpresst
- vollständig recycelbar
- sichtbare Struktur zeigt den Ursprung des Materials
- Gerüstholzbohlen aus lokaler Wiederverwertung (Regale und Tische)
- stammen aus alten Gerüstsystemen oder Scheunen
- werden aufbereitet, statt entsorgt
Gerüststangen dienen als tragende Elemente der Regale. Sie werden neu bezogen, sind jedoch so eingesetzt, dass sie später problemlos demontiert und an anderer Stelle wiederverwendet werden können.
Das Projekt zeigt, dass nachhaltiger Ladenbau nicht beim Kauf „ökologischer“ Materialien beginnt, sondern bei der Haltung dahinter:
- Materialien möglichst lange im Kreislauf halten
- Herkunft und Wiederverwendbarkeit kennen
- sichtbare Materialehrlichkeit statt Oberflächenimitaten
Nachhaltigkeit entsteht dadurch nicht als zusätzliches Designmerkmal, sondern durch bewusste Entscheidungen im gesamten Prozess.
Fazit
Nachhaltigkeit im Ladenbau entsteht nicht durch einzelne Maßnahmen, sondern durch ganzheitliches Denken: Materialien bewusst auswählen, bestehende Elemente weiter nutzen, Energieeffizienz und langlebige Konstruktionen in den Mittelpunkt stellen. Wer schon in der Planung auf Wiederverwendbarkeit, Qualität und flexible Systeme achtet, verlängert den Lebenszyklus der Einrichtung und reduziert Ressourcenverbrauch sowie Abfall. Projekte wie der Second-Hand-Shop der Abfallwirtschaft Freiburg zeigen, dass nachhaltige Lösungen ästhetisch, funktional und wirtschaftlich sein können. Nachhaltiger Ladenbau bedeutet daher, Verantwortung zu übernehmen.
Quellen
- Unterschätzter Wettbewerbsfaktor
- EHI Leitfaden – Nachhaltigkeit im Ladenbau
- Stromverbrauch im Handel weiter rückläufig
- Aus Alt mach Neu
- Beleuchtung und Kühlung – Energieeffizienz im Lebensmittelhandel verbessern
- Kühlmöbel mit Türen sparen viel Geld
- Nachhaltige Shoppinginnenräume mit der DGNB zertifizieren
- Orientierungshilfe für Hersteller und Verbraucher: Umweltzertifikate für die Einrichtung
- Innenräume Shopping
- EDEKA-Zukunftsmarkt in Nauen
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Julian Woelki und sein Team sind Spezialisten für die Planung und Realisierung von durchdachten Ladenbau-Konzepten.